Lübeck-Herrnburg: Jahresfahrplan 1990/1991

1) Hamburg Hbf-Lübeck Hbf vereinigt mit E 30xx (als Kurswagen ausserhalb des Wendezugs)
2) Hamburg Hbf-Lübeck Hbf als Eilzug
3) Kurswagen Kiel – Schwerin (Meckl)
4) Nur 2. Kl.; Fahrplan gültig ab 30.9.90 – latente Trassenkonflikte mit Schnellzügen können ignoriert werden, da diese aufgrund des zwischenzeitlichen Wegfalls des Halts Herrnburg abweichende Fahrzeiten hatten
5) ab 30.9.90.

Der Fahrplan 1990 beinhaltete erstmals ein Angebot relativ gleichmässig über den Tag verteilter Schnellzüge zwischen Hamburg und Rostock, wobei – der weiterhin bestehenden Hauptreiserichtung „Ostbesucher:innen im Westen“ entsprechend – eine gewisse „Angebotsballung“ Richtung Osten am Nachmittag/ Abend festzustellen ist. Weiterhin fällt eine Neuordnung der Zugnummern ins Auge: Da im Zugnummernschema von DB und DR sowohl auf der Strecke von Lübeck Richtung Osten als auch im Korridor Hamburg-Berlin im Fernverkehr Zugnummern mit 30er-Stämmen zur Anwendung kamen, reichten die für planmässige Züge im deutsch-deutschen Verkehr vorgesehenen 4xx und 14xx-Zugnummern, mit denen gesamt 10 Zugspaare hätten gebildet werden können, nicht mehr aus[14]. Die 11xx-Zugnummern des Übergangsfahrplans verwendete man aber nicht weiter, sondern sortierte die 5 Zugspaare auf der Strecke Hamburg-Rostock neu in die Nummernreihe 103x. Einzig das Güstrower Zugspaar behielt eine 14xx-Nummer, fuhr aber neu als 1435/ 1434, womit es einerseits numerisch zum D 1035/ 1034 passte, den es weiterhin entlastete, zum anderen ermöglichte, dass auf der Strecke via Büchen, auf der neu die Zugnummern 436-439 vergeben waren, numerisch „passende“ 14xx-Züge verkehren konnten.

„Starzug“ der Strecke war weiterhin der bis Greifswald und ab Stralsund verlängerte Kölner Schnellzug, der neu als D 1035/ 1034 verkehrte. Die Unpaarigkeit des östlichen Endes wurde durch ein neues Schnellzugpaar 1038/ 1037 Greifswald-Münster-Stralsund ausgeglichen, wobei 1038 über Nacht fuhr, weshalb die zwei Zugspaare mit gesamt drei (Kölner) Kompositionen gefahren werden konnten. Für die geschätzte Reichsbahn-Kundschaft waren derart kombinierte Nacht-/ Tageszugspaare insbesondere im touristischen Verkehr nichts Ungewöhnliches – eine Vielzahl touristischer Verbindungen aus dem Süden der Republik an die Ostseeküste wurde in ähnlicher Form produziert. Bemerkenswert beim 1035 ist, dass dieser sogar im Winterabschnitt (bzw. laut Grahnert dann wieder) zwei Byl als Verstärkungswagen zwischen Lübeck und Rostock führte – offenbar war insbesondere bei diesem Zug das Fahrgastaufkommen immer noch beträchtlich (inklusive der beiden Mitteleinstiegswagen führte er im genannten Abschnitt 14 Wagen).[15]

Leider habe ich von der «wilden Phase» des Verkehrs zwischen Lübeck und Herrnburg keine Bilder. Wenn wir es mal dorthin schafften, dann in der Regel im Dunklen, was meine seinerzeit quasi nichtexistente Fotoausrüstung überforderte. Sonderzüge gab es allerdings auch später noch: Unter anderem hatten diverse Illustrierten schon im Herbst 1990 einen Teil des planmässigen TUI-Ferien-Express Imperia-Hamburg als Leserreise mit dem originellen Laufweg Imperia-Schwerin gechartert. Im Frühjahr 1991 fand dieses Angebot seine Fortsetzung mit einem kompletten Sonderzug Rostock-Pietra Ligure. Derartige Sondereinsätze des TUI-Zugs in den Saisonpausen waren durchaus nichts Ungewöhnliches, der Laufweg dieses Zuges hingegen schon. Hier hat 132 234 am 21.4.1991 den Leermaterialzug Lr 36433, den sie zuvor aus Hamburg-Langenfelde geholt hat, in Lübeck umfahren und wird in Kürze die Fahrt nach Rostock fortsetzen.

Neben den beiden „Langläufern“ gab es drei weitere Schnellzugspaare zwischen Hamburg und Rostock: Neu fuhr am Tagesrand – und somit auf Besucher aus dem Westen zugeschnitten – das Zugspaar 1031/ 1030, das zwischen Hamburg und Lübeck so produziert wurde, wie das im Vorjahr eingeführte Eilzugspaar des „Kleinen Grenzverkehrs“ nach Schwerin: seine drei Schnellzugwagen wurden an die Pendelzugskomposition der vertakteten Eilzüge angehängt, was die Einwohner:innen von Bad Oldesloe und Reinfeld in den Genuss einer umsteigefreien Verbindung nach Rostock brachte und dazu führte, dass der Zug zwischen Hamburg und Lübeck resp. in der Gegenrichtung als Eilzug verkehrte. Der „Tageswender“ D 1033/ 1032 wurde aus dem Sitzwagenteil des Nachtzugs D 2186/ 2187 von Salzburg gebildet – so wie vorher der Güstrower Schnellzug, dessen Komposition neu aus dem Nachtschnellzug 1438/ 1439 von Dresden stammte, weshalb er der einzige Schnellzug in der Relation Hamburg-Lübeck-Mecklenburg war, der mit Reichsbahn-Wagenmaterial fuhr. Zum Winter tauschten die beiden Nachtzüge dann ihre zugehörige Tagesleistung: Nun fuhr D 1033/ 1032 mit der Reichsbahn-Komp des Dresdner Nachtzugs und der (nur noch aus München kommende) D 2186/ 2187 machte wieder den schon aus dem Jahr 1989 gewohnten „Tagesritt“ nach Güstrow. Bezogen auf diese zwei Umlaufverknüpfungen sparte die Reichsbahn dabei eine Komposition, die Bundesbahn benötigte eine mehr, da 1033/ 1032 in Rostock wendeten, der in Güstrow angekommene 1435 aber weiterhin 16 Stunden auf seine Rückleistung warten musste. Das nachts in Rostock wendende Zugspaar 1039/ 1036 stellte ebenfalls die Bundesbahn. Neben den 6 Schnellzugspaaren gab es noch drei Eilzugspaare nach Schwerin: Morgens den weiterhin nur am Wochenende verkehrenden und schon aus der „Vorwendezeit“ bekannten Eilzug ab Hamburg (neu als E 2031/ 2030), der nun allerdings nicht mehr aus „Silberlingen“, sondern aus DB-Schnellzugwagen gebildet wurde und weiterhin einen Kurswagen (einen Bm) ab Kiel führte, sowie tagsüber E 2035/ 2034, der laut Grahnert aus Mitteleinstiegswagen bestand (und am Wochenende durch die 3 Schnellzugwagen des 2031/ 2030 verstärkt wurde), sowie als tagesrandiges Angebot in der Gegenrichtung E 2038/ 2039, dessen Komposition aus 7 Bmh und einem ABm der DR bestand. Ergänzt wurden diese Züge durch einen zunächst als D, ab dem Winterfahrplan dann durchgehend als Eilzug geführten D 2037/ 2036 Kiel-Wismar, der – laut Grahnert – aus DB-Mitteleinstiegswagen gebildet wurde.

Neben dem Güstrower Schnellzug (bzw. ab dem Winterfahrplan dann dem einen Rostocker Schnellzugspaar) und dem E 2038/ 2039 Schwerin-Hamburg-Schwerin war die DR auf der Strecke im Wesentlichen nur mit den Personenzügen präsent, die ab dem Winterfahrplan dann konsequent bis/ ab Lübeck Hbf geführt wurden, während bei den Eil- und Schnellzügen die Halte in Herrnburg ab diesem Zeitpunkt entfielen (angesichts der Führung einiger dieser Züge bereits ab November 1989 bis/ ab Lübeck mag ich nicht ausschliessen, dass diese Züge zum Teil auch im Sommerhalbjahr 1990 schon bis Lübeck gelangt sind). Die von Grahnert genannte – und hier übernommen – Zugbildung der Personenzüge (Reko-Wagen) hatte aber zumindest nicht in allen Fällen über die gesamte Fahrplanperiode Bestand: Mindestens gegen Ende der Fahrplanperiode kamen auch (sogar beige-grüne) Bmh und DR-119 als Zuglokomotiven zum Einsatz.

Komplett neu – und durchaus wegweisend für die künftige Angebotsgestaltung – war das Zugspaar D 335/ 330 Lübeck Hbf – Berlin-Lichtenberg. Dabei handelte es sich um den bis Lübeck rückverlängerten bisherigen DR-Binnenschnellzug D 539/ 530 Schwerin – Berlin-Lichtenberg, dessen Komposition trotz der Rückverlängerung allerdings merklich geschrumpft war: Während der 335/ 330 nur noch aus 4 Schnellzugwagen (je 2 ABm und Bm) gebildet war, hatte sein Vorgängerzugpaar aus den auf der Strecke Berlin-Schwerin üblichen Schnellzugskompositionen mit um die 10 Wagen bestanden – möglicherweise war dies umlaufbedingt gewesen – mit der Verlängerung bis/ ab Lübeck wurde der bisherige 530/ 539 aus einem grösseren Umlauf herausgezogen. Da die anderen Binnenschnellzüge im Fahrplan 1990 ihre Kapazitäten eigentlich noch weitgehend behielten, kann diese extrem kurze Komposition wohl noch nicht als Reaktion auf die im Laufe des Jahres 1990 beginnenden teilweise dramatischen Einbrüche in der Nachfrage bei der DR gewertet werden.

Auffällig ist hingegen das starke Gefälle in der Zugbildung in Abhängigkeit von den Verkehrszeiten: Züge, bei deren Nachfrage hauptsächlich mit Kundschaft aus der alten Bundesrepublik zu rechnen war, sind erheblich kürzer als solche, die ein grösseres Nachfragepotenzial aus der DDR erschlossen.

Traktionsseitig blieb es auf der Strecke im Fahrplanjahr 1990 auf der Strecke Lübeck-Herrnburg (-Bad Kleinen) mutmasslich weitgehend bei DR-Maschinen (132 vor den Schnellzügen, vor den Personenzügen 119 bzw. wohl zumindest anfangs auch noch DR-V 100 (110/ 112) vielleicht sogar noch die eine oder andere 118). Zumindest finden sich bei Grahnert (und auch im einschlägigen Bildmaterial) keine Hinweise auf Einsätze von DB-Loks – für den E/ D 2036/ 2037, bei dem ein Lokdurchlauf über Lübeck hinaus einzig Sinn gemacht hätte (die Hamburger Züge mussten ohnehin Kopf machen), erwähnt Grahnert sogar explizit den Einsatz von Lübecker 218 nur zwischen Lübeck und Kiel. Jürgen Bühn[16] erwähnt zwar Leerrückleistungen eines 218-Paares von einem Güterzug Maschen-Rostock ab Bad Kleinen mit dem Frühpersonenzug, datiert dies aber leider nicht. Da via Büchen ab dem Sommerfahrplan 1990 regelmässig DB-218 ins „Reichsbahnland“ gelangten, sind solche Einsätze – zumindest in der beschriebenen Form – auch auf der Strecke Lübeck-Bad Kleinen natürlich nicht auszuschliessen.

Fast schon wie ein Interzonenschnellzug aus der Mitte der 1980er Jahre mutet der Personenzug 7857 mit den grün-beigen Halberstädter Bmh, dem ebenso lackierten Reko-Halbgepäckwagen und der 119 an, der auf dem Rückweg nach Wismar hier am 23.5.1991 in Grieben (Meckl) aufgenommen wurde.

Foto: Carsten Drescher

[14] Im konkreten Fall kam erschwerend hinzu, dass die Zugnummern 430-435 für Schnellzüge in der Relation Hamburg-Flensburg-Dänemark vergeben waren.

[15] Auf der Website www.klauserbeck.de mit einer Streckenbeschreibung der Strecke Lübeck-Hamburg findet sich (Kilometerangabe 1.4) ein Bild des Richtung Rostock ausfahrenden D 1035 mit den beiden Byl hiter der führenden DR-132. (Website abgerufen am 28.9.2024).

[16] Bericht in lbe-express, a.a.O.